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Entgrenzte Krisen: Live-Talk über neue Anforderungen an die Gefahrenabwehr
Die nächste Krise kommt selten allein: Extremwetter trifft auf fragile Infrastrukturen, Cyberangriffe auf gesellschaftliche Unsicherheit, Desinformation auf ohnehin angespannte Lagen. Beim Live-Talk „Krisen, Katastrophen, Kontrollverlust? Gefahrenabwehr in Zeiten entgrenzter Krisen“ diskutierten Expertinnen und Experten, was solche Gefahrenlagen für Behörden, Organisationen und Einsatzkräfte bedeuten – und welche Kompetenzen modernes Krisenmanagement künftig braucht. Das Event wurde live aus dem Virtual Classroom der FOM Hochschule in Essen gestreamt.
Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Prof. Dr. Henning Goersch, FOM Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Forschung, Praxis, Beratung und öffentlicher Verwaltung diskutierte er, warum klassische Ansätze des Krisenmanagements zunehmend an Grenzen stoßen.
Im Mittelpunkt stand zunächst die Frage, was entgrenzte Krisen von klassischen Krisenlagen unterscheidet. Tjorven Harmsen, Leiterin ELSA, Ethical, Legal and Social Aspects of Security Research am Institut für den Schutz maritimer Infrastrukturen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und FOM Dozentin, beschrieb entgrenzte Krisen als Lagen, die räumliche, zeitliche und institutionelle Grenzen überschreiten. Sie seien an kein Einzelereignis gebunden, entwickelten sich häufig schleichend und wirkten in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche hinein. „Komplexität ist ein entscheidendes Charakteristikum entgrenzter Krisen“, sagte Harmsen. Wichtig sei deshalb, unterschiedliche Akteure bereits im Vorfeld zu vernetzen – und ihre jeweiligen Zuständigkeiten, Arbeitsweisen und Eigenlogiken gegenseitig verständlich zu machen.
Handlungsfähig bleiben – trotz Unsicherheit
Kathrin Stolzenburg, Referatsgruppenleiterin Vorsorgeplanung im Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), machte deutlich, dass sich Krisenmanagement stärker auf Gleichzeitigkeit und Unsicherheit einstellen müsse. „Wir können uns definitiv nicht mehr auf jede Einzelkrise vorbereiten“, sagte Stolzenburg. Notwendig seien Handlungsfähigkeit und Handlungskompetenz „trotz Chaos und trotz unsicherer Lage“. Besonders prägnant fasste sie den Auftrag für Behörden und Organisationen zusammen: „Wir können nicht mehr nach Krisen lernen. Wir haben in, vor und mit Krisen zu lernen.“
Auch Nico Oestreich, Prokurist und Partner bei Lülf+ Sicherheitsberatung und FOM Dozent, griff den Aspekt der Handlungsfähigkeit auf. In der Gefahrenabwehr gehe es nicht darum, ein Szenario bis zum Ende durchzuplanen und schon vorab alle Schritte der Abarbeitung zu kennen. Vielmehr müsse zunächst mit Basismaßnahmen der Zustand verbessert und anschließend ein System zur weiteren Bearbeitung aufgebaut werden. „Das bedeutet, dass ich mich auf Dinge vorbereite, von denen ich vorher noch nicht wusste, dass ich mich auf sie vorbereiten muss“, sagte Oestreich. In der Krise gehe es auch darum, „die Krise kennenzulernen“ und sich daran anzupassen, „was diese Krise jetzt eben an Bearbeitung“ brauche. Als Beispiel nannte er die Feuerwehrbedarfsplanung: Eine Rauchwolke mache an einer Gemeindegrenze nicht halt, vielmehr gebe es Wechselwirkungen zwischen Kommunen. Zugleich seien kommunale Krisenstäbe sehr unterschiedlich aufgestellt.
Kritische Infrastrukturen als Katalysator
Welche Rolle kritische Infrastrukturen bei entgrenzten Krisen spielen, machte Detlev Schürmann, Fachbereichsleiter Kriminalprävention und Urbane Sicherheit beim Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen e.V., am Beispiel eines Funkausfalls im Bahnnetz deutlich. In einer solchen Lage stehe zunächst der Personenverkehr im Fokus. Weniger Beachtung finde jedoch, dass bei stillstehenden Zügen auch der Güterverkehr betroffen sei und Lieferketten abreißen könnten – etwa bei Treibstoff, Lebensmitteln oder Medikamenten. „Sobald Krisen kritische Infrastrukturen erreichen, führen sie in der Regel zur Entgrenzung“, sagte Schürmann. „Es bleibt nicht an einem Sektor hängen.“ Als besonders weitreichend beschrieb er Ausfälle in der Informations- und Kommunikationstechnik: Sobald diese beeinträchtigt werde, entstehe ein Problem, das „kaskadenartig in die Breite“ gehe. Deshalb komme es auf Redundanzen und parallele Systeme an, die im Bedarfsfall eingesetzt werden können.
Krisenkommunikation als Teil der Gefahrenabwehr
Auf die Frage, ob offene Kommunikation über Risiken verunsichern könne, machte Kathrin Stolzenburgdeutlich, dass Zurückhaltung keine Lösung sei: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Wenn Informationen bewusst vor der Bevölkerung zurückgehalten würden, sei auch das eine Kommunikationsstrategie – „und vielleicht nicht die schlauste“. Wer als Gesellschaft resilienter werden und zumindest mit einfachen Krisenlagen umgehen wolle, müsse diese zunächst formulieren, damit sie ins Bewusstsein dringen. Das BBK setze in seinem Zuständigkeitsbereich auf Kommunikation mit der Bevölkerung, etwa durch Vorsorgeempfehlungen, Tipps und Selbstschutzhinweise. Auch das Programm „Erste Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ sei ein Baustein, um die Gesellschaft schrittweise resilienter zu machen.
Studierendenprojekt macht Vernetzung sichtbar
Dass komplexe Akteursstrukturen auch Thema der akademischen Ausbildung sind, zeigte Jonas Sobotka, Leiter Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr Siegen und FOM Student im Bachelor-Studiengang „Management in der Gefahrenabwehr“. Er stellte das Studierendenprojekt „Crisis Grid“ vor, das im Modul „Systematik von Sicherheit, Gefahrenabwehr und Hilfeleistung“ entstanden ist. Ausgangspunkt war die Idee, Informationen zu Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben nicht in mehreren Excel-Tabellen zu sammeln, sondern auf einer Plattform zusammenzuführen. Die Anwendung macht visuell sichtbar, wie Organisationen miteinander verknüpft sind und soll bei konkreten Fragestellungen Orientierung geben.
Der Live-Talk machte deutlich: Gefahrenabwehr in Zeiten entgrenzter Krisen braucht mehr als festgelegte Szenarien und klassische Routinen. Gefragt sind belastbare Netzwerke, Vorsorge, kontinuierliches Lernen sowie die Fähigkeit, auch bei unvollständigen Lagebildern und unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Für die FOM Hochschule ist das Thema eng mit der akademischen Ausbildung im Bereich Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz verbunden.
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